Es begab sich aber zu der Zeit…


Die Weihnachtsgeschichte nach h.f. von anhalt

Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Vorsitzenden des Staatsrates und dem ersten Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, dem Genossen Erich Honecker ausging, daß alle Welt bespitzelt würde. Und diese allumfassende Bespitzelung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Herbert Tierpfleger in Weimar war. Und jedermann ging, daß er sich bespitzeln ließe, ein jeglicher in seine Stadt, in sein Haus, in seine Wohnung, in seine Kneipe. Doch alsbald entsetzten sich viele ob der Bespitzelung und erhoben sich gegen das Gebot des Genossen Honecker und wollten nicht länger bespitzelt sein.

Da machte sich auf auch Herbert aus Thüringen, aus der Stadt Weimar, in das gelobte Land zur Stadt Josefs, die da heißt München, darum, daß er von dem Hause und Geschlechte Josefs war, auf daß er sich dort wohlfühle mit Erna, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger von Sehnsucht nach Freiheit. Mit seinem Trabi durchquerte er die Wüste des Ostblocks, hin zu der Stadt Budapest, um sodann von dort in das Habsburger Land und weiter nach München fliehen zu können.

Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, daß sie fliehen wollten. Und sie gebar ihre erste große Angst und nächtigte mit ihr in ihrem kleinen Wagen, denn sie hatten sonst keinen Raum und keine Herberge.

Und es waren Grenzer in derselben Gegend auf dem Felde bei dem Grenzzaun nach Habsburg, die hüteten des Nachts ihre Heimat. Und siehe, die Menge der DDR-Bürger trat zu ihnen, und die Taschenlampen des VEB Artas im Kombinat NARVA leuchteten um sie; und sie fürchteten sich sehr.

Und der Schabowski sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird; denn euch ist heute die Freiheit geboren und die Mauer gefallen, welche ist eine Schande für die Herren, in der Stadt Berlin. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden die verwirrten Grenzsoldaten wie Kinder in Unschuld gewickelt und dem Ansturme nicht gewachsen.“

Und alsbald war da bei der Mauer die Menge der Ostberliner und an den anderen Grenzen die Menge aller DDR-Bürger, die lobten Schabowski und sprachen: „Ehre sei Kohl in der Breite und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“

Und da die Mauerspechte ihr Werk getan hatten und die DDR-Bürger gen Westen fuhren, sprachen dieselben untereinander: Laßt uns nun gehen gen Berlin und gen Westen und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr Schabowski kundgetan hat.

Und sie kamen eilend und fanden beide, Erna und Herbert und all die anderen, dazu das Begrüßungsgeld im Portemonnaie liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Gelde gesagt war.

Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Moneten gesagt hatten. Erna aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihren Geldschrank.

Und die DDR-Bürger kehrten wieder um, priesen und lobten den Westen, die Bananen und alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war. (h.f. 1989, 9-11)

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